Überraschende Denkanstöße beim Adventskonzert

Verfasser: Musikzug Wildflecken e.V.
Datum: 13.12.2017 08:57
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J.K.

Überraschungen der musikalischen Art gab es zuhauf beim diesjährigen Adventskonzert des Musikzuges in Wildflecken. Mit Freiheit und Religion wollten sich die Musiker intensiv beschäftigen. Und das taten sie mit einer für eine Blaskapelle eher außergewöhnlichen Auswahl an Musikstücken. Zu den Höhepunkten des Programms zählte zweifellos die Interpretation des Liedes „Freiheit“ von Marius Müller-Westernhagen mit Franca Schmitt am Klavier. Die Musiker ließen dabei ihre Instrumente allesamt ruhen und sangen den Klassiker eindrucksvoll als Gemeinschaftschor. Beim Refrain stimmten dann auch einige Besucher mit ein: „Freiheit, Freiheit, ist das einzige, was zählt.“ Über die Bedeutung des Liedes machte sich Dirigent Ralf Gundelach Gedanken, der die Moderation während des gesamten Konzerts übernommen hatte. Interessanterweise war das Lied schon vor dem Fall der Mauer und der späteren Wiedervereinigung entstanden. Doch erst in der Wendezeit bekam der Song eine geradezu historische Bedeutung, verlieh vielen Menschen Kraft und Hoffnung und wurde zu einer heimlichen Hymne des Umbruchs. Um Hoffnung auf gesellschaftliche Veränderung ging es auch bei der Florian Geyer Suite, welche die Zuhörer in die Zeit der Bauernkriege von 1524 bis 1526 zurückversetzte. Die wachsende Wut der Bauern, weil Adel und Klerus immer größere Abgaben fordern, lässt sich im ersten Satz bereits heraushören, in dem es um Frondienst und Leibeigenschaft geht. Hilflos sind die Bauern der Willkür der Obrigkeit ausgesetzt, bis Ritter Florian Geyer nicht mehr tatenlos zusehen kann. Er stellt sich auf die Seite der Unterdrückten. Doch tödlich ist die Antwort der Obrigkeit auf Geyers Bestreben, die Situation der Bauern zu verändern. Die Rebellion scheitert, weil Mistgabel und Dreschflegel gegen Rüstung und Schwert nicht die geeigneten Waffen sind. Im dritten Satz wird der brutale Untergang der Bauern musikalisch umgesetzt. Die euphorischen Anfänge der Bewegung münden in ein Schlachtengetümmel mit blutigem Gemetzel am Ende. Auch das Geyerschloss geht in Flammen auf und der Fürstbischof feiert mit einem prachtvollen Fest den Sieg der Herren. Und doch endet die Florian Geyer Suite nach eher bedrückenden Klängen mit einem heiteren Dur-Akkord, erklärte Dirigent Gundelach. „Ein Zeichen dafür, dass die Zeit für den Umbruch zwar noch nicht reif war, aber dennoch Hoffnung bestand, dass sich eines Tages die Dinge verändern würden.“ Es ist ein weiter Bogen, den der Musikzug da spannte. Von Reinhard Meys „Über den Wolken“ bis zu „We are the world“. Gundelach berichtete von der Idee Harry Belafontes, durch ein Bandprojekt überwiegend dunkelhäutiger Musiker Geld für Afrika zu sammeln. Es entwickelte sich schließlich ein Musikprojekt, im Rahmen dessen Quincy Jones das von Michael Jackson und Lionel Richie geschriebene Lied „We are the world“ produzierte. Ein Welthit, der das Leid vieler Menschen in Afrika ins Bewusstsein rückte. Nachdenklich blieb es auch bei den Zugaben. „Von guten Mächten treu und still umgeben“ stimmte der Musikzug an. Dirigent Gundelach beschrieb die Entstehung des Gedichts des evangelischen Theologen und Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer. Verfasst im Dezember 1944 in der Haft, ist es Bonhoeffers letzter erhaltener theologischer Text vor seiner Hinrichtung am 9. April 1945. Bis zu seinem Tod hatte der Geistliche dem NS-Regime erbitterten Widerstand geleistet. Gundelach beschrieb die schleichenden bitteren Folgen des Widerstandes mit Rede- und Schreibverbot und Inhaftierung. Nackt trat Bonhoeffer den Gang zum Galgen an - eine letzte Demütigung für den Pastor, der es gewagt hatte, von Anfang an gegen Hitler zu reden. Erst im Jahr 1998 erließ der Bundestag das Gesetz zur Aufhebung nationalsozialistischer Unrechtsurteile, und Bonhoeffer wurde rehabilitiert. Was bis heute bleibt, ist die Erinnerung an einen Mann, der sein Leben für den Kampf gegen das Unrecht opferte - und seine Worte: „Von guten Mächten treu und still umgeben, behütet und getröstet wunderbar, so will ich diese Tage mit euch leben und mit euch gehen in ein neues Jahr.“