Musikvereine kämpfen um Nachwuchsausbildung - Nachforderungen der Künstlersozialkasse im fünfstelligen Bereich
Knapp 10 000 Euro soll das Blasorchester Sand am Main dafür zahlen, dass es seine ureigenste Aufgabe erfüllt: Die Ausbildung von Kindern und Jugendlichen an Instrumenten, die im vereinseigenen Blasorchester benötigt und gespielt werden.

Die Jugendarbeit haben sie bereits eingestellt. Jetzt kämpfen (von links) Vorsitzender Bastian Hümmer, sein Vorgänger Dirk Rückert und 2. Vorsitzender Mathias Mitrach (rechts) vom Blasorchester Sand am Main gemeinsam mit dem Präsidenten des Nordbayerischen Musikbunds, MdL Manfred Ländner (2. von rechts) gegen den Bescheid der Künstlersozialkasse. (Foto: Andreas Kleinhenz)
Bastian Hümmer „stocksauer“ und „völlig demotiviert“: Knapp 10 000 Euro soll sein Blasorchester Sand am Main dafür zahlen, dass es seine ureigenste Aufgabe erfüllt: Die Ausbildung von Kindern und Jugendlichen an Instrumenten, die im vereinseigenen Blasorchester benötigt und gespielt werden. Die Künstlersozialkasse (KSK) verlangt die Nachzahlung, weil sie die Ausbildung im Blasorchester Sand den Musikschulen gleich stellt. Für den Dachverband, den Nordbayerischen Musikbund (NBMB), ist die formale Gleichstellung mit Musikschulen so nicht hinnehmbar, da der Vereinsarbeit völlig unterschiedliche Strukturen und Zielsetzungen zugrunde liegen. Bei einem Treffen mit den Vereinsverantwortlichen sicherten NBMB-Präsident MdL Manfred Ländner sowie NBMB-Geschäftsführer Andreas Kleinhenz ihre volle Unterstützung zu. Denn: Bekommt die KSK Recht, befürchten sie eine wahre Lawine von Forderungen: „Dann werden Vereine in ganz Deutschland weggemäht“.
Das Blasorchester Sand hat der Bescheid „völlig kalt erwischt“. Der Verein soll rund vier Prozent der Unterrichtsgebühren an die Künstlersozialkasse abführen – und zwar rückwirkend für die vergangenen fünf Jahre. Da der Landkreis Haßberge eine „kreismusikschulfreie Zone“ ist, hat das Blasorchester Sand schon ab der Gründung 1956 den Nachwuchs selbst ausgebildet. Seit 1992 auch mit dem kompletten Angebot, beginnend mit der Musikalischen Früherziehung.
Dem ersten „Erhebungsbogen zur Prüfung der Abgabepflicht“ mit seinen unzähligen Fragen folgten Nachfragen um Nachfragen – so lange, bis Hümmers Vorgänger Dirk Rückert schließlich „frustriert und desillusioniert“ sein Amt niederlegte. Auch die Schatzmeisterin war kurz davor aufzugeben – und das in einer Zeit, „wo man ohnehin schwer jemand findet für das Ehrenamt“, so Hümmer.
Anlass für die KSK-Forderung ist ein Urteil gegen die Stadtkapelle Waiblingen, die tatsächlich eine Art Musikschule betrieb, erläuterte Geschäftsführer Kleinhenz. Doch sei das mit den Verhältnissen in Sand und anderen Vereinen nicht vergleichbar, betonte er: Denn im Gegensatz zu Waiblingen wird dort ausschließlich mit dem Ziel ausgebildet, dass die Kinder und Jugendlichen später im Orchester mitspielen. Deshalb werden auch nur die Instrumente angeboten, die in den Vereinsorchestern auch benötigt werden. Zudem erfolgt die komplette Organisation und Abrechnung ehrenamtlich. Und: Die Vereine erhalten im Gegensatz zu kommunalen Musikschulen keinen 50-prozentigen Zuschuss vom Staat, so Kleinhenz.
Laut KSK sind jedoch nur die Vereine abgabefrei, die weniger als 20 Schüler ausbilden – oder die 20 bis 60 Schüler ausbilden und deren Ausbilder ihre Tätigkeit über die Übungsleiterpauschale abrechnen können. Doch das sind zumeist nur Laienmusiker, nicht aber professionelle Musiker: „Das wäre ein herber Rückschritt – nicht nur für die Vereine, sondern auch für die vielen Kinder und Jugendlichen“, so Kleinhenz. Das Blasorchester Sand hat seine Konsequenz bereits gezogen und die Ausbildung von Kindern und Jugendlichen im Verein ersatzlos gestrichen.
Präsident Ländner betonte, der NBMB stehe voll und ganz hinter den Vereinen – neben Sand am Main sind derzeit auch Forchheim-Buckenhofen und St. Vitus Burglengenfeld betroffen. Der Verband bezahle nicht nur die Kosten für Rechtsberatung und -vertretung, informiere und berate, sondern werde auch alles in seiner Macht stehende tun, um vernünftige Lösungen zu finden. Nachdem die Bemühungen bayerischer Politiker in Berlin am Widerstand des zuständigen Ministeriums gescheitert seien – selbst im Jahr des europäischen Ehrenamts habe sich Berlin nicht dafür bewegt –, werde nun unter Federführung des Bayerischen Blasmusikverbandes eine Massenpetition vorbereitet, so der Präsident.
Bastian Hümmer will mit Unterstützung des NBMB notfalls vor das Bundessozialgericht ziehen. Denn der Vorsitzende fürchtet nicht nur, dass viele weitere Vereine betroffen sein werden, sondern mögliche weitere Probleme, falls man Vereine „wie Arbeitgeber“ behandelt: „Kommt dann auch noch die Berufsgenossenschaft auf uns zu?“, fragt er. Sicher ist jetzt schon, dass das Blasorchester Sand, wenn es denn als abgabepflichtig für die KSK angesehen wird, auch von den eigentlich abgabefreien Vergütungen an den Dirigenten vier Prozent an die KSK zahlen muss. Und: Auch die GEMA hat bereits angekündigt, dass sie ihre Sätze um bis zu 65 Prozent anheben will – ein weiterer Brocken für die Vereine.
Anm. der Internet-Redaktion: Hier finden Sie weitere Hintergrundinformationen zu dem Thema: http://www.nbmb-online.de/links/ksk-info
Von: Daniela Hollrotter, Pressereferentin des NBMB, 23.02.2012
