Mit Musik in die Gemeinschaft finden - Gelebte Inklusion im NBMB

Für den Autisten Nathanael Kneuer ist das alltägliche Miteinander ein riesen Problem. Doch seine Posaune hilft dem 14-Jährigen, sich in ein Orchester einzufügen - und sogar Spaß am Zusammenspiel zu haben.   Lief ab am 22-3-2018

Nathanael Kneuer probt jetzt bei den Arnsteiner Werntalmusikanten unter der Leitung von Steffi Greif. (Foto: Günter Roth)

Nathanael Kneuer probt jetzt bei den Arnsteiner Werntalmusikanten unter der Leitung von Steffi Greif. (Foto: Günter Roth)

Für den Autisten Nathanael Kneuer ist das alltägliche Miteinander ein riesen Problem. Doch seine Posaune hilft dem 14-Jährigen, sich in ein Orchester einzufügen - und sogar Spaß am Zusammenspiel zu haben.

Nein, ganz wohl fühlt sich der 14-jährige Nathanael Kneuer nicht. Ganz alleine sitzt er mit seiner Posaune zwei Männern gegenüber, die als musikalische Fachleute seine Fähigkeiten und seine Kenntnisse um das Blasinstrument ausloten. Da geht es ihm heute nicht viel anders als den anderen jungen Leuten, die an diesem Tag ihre „D1-Prüfung“ für den Nordbayerischen Musikbund (NBMB) ablegen wollen. Dieser Test ist die offizielle Voraussetzung für junge Blasmusiker, künftig an Fortbildungen des Musikbundes teilzunehmen und bei den großen Orchestern mitspielen zu dürfen – zum Beispiel beim Kreisjugendorchester Main-Spessart, dessen Dirigent Thomas Joha ihm jetzt als Prüfer gegenüber sitzt.

Autismus ist eine angeborene neurologische Abweichung

Im Falle von Nathanael geht es aber längst nicht nur um musikalische Fertigkeiten und Fähigkeiten. Der Achtklässler hat ein echtes Handicap: er ist Autist. Autismus ist eine angeborene neurologische Abweichung. Autisten haben Schwierigkeiten mit der sozialen Interaktion, sie haben Probleme, Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen und sie zu verstehen. „Nathanael fällt es sehr schwer, sich in die Gefühle anderer zu versetzen – sogar gegenüber Menschen, die ständig um ihn herum sind“, sagt Elfriede Seufert. Sie ist seine Schulbegleiterin an der Mittelschule von Arnstein.

Seufert ist seit anderthalb Jahren an Schultagen mit dem Jungen zusammen, sie hat selbst vier mittlerweile erwachsene Kinder und ist im Werntal als talentierte Musikerin bekannt. Den größten Knackpunkt im Umgang mit autistischen Kindern beschreibt sie so: „Ein Autist kann sich nur bedingt in die Gesellschaft einfügen, das System muss sich an ihn anpassen.“ Das führt natürlich im Alltag einer Regelschule zu Problemen. Da kann es passieren, dass sich Nathanael in einer Probearbeit einfach nur an einer – seiner Meinung nach – falsch gestellten Aufgabe stört. Dann lässt er sich manchmal durch nichts und niemanden beruhigen, verweigert zuweilen ganz die Leistung.

Klassenlehrer Wendel: „Mit Druck geht nichts“

In solchen Fällen ist Schulbegleiterin Seufert als Vermittlerin zwischen den Lehrkräften, den Schülern und natürlich ihrem Schützling gefragt. Obwohl in der achten Klasse neben Nathanael noch fünf unbegleitete Flüchtlingskinder besondere Aufmerksamkeit brauchen, kümmert sich Klassenlehrer Martin Wendel mit ruhiger Hand und pädagogischen Geschick um den Jungen. „Die Situation ist zwar manchmal auch belastend, aber wirklich nicht bedrückend“, sagt der Lehrer. Die wichtigste Erkenntnis ist: „Mit Druck geht nichts, da ist dann schon mal Land unter und Nathanael rastet aus.“ In solchen Fällen heißt es, deeskalieren, womöglich gemeinsam mit Elfriede Seufert eine Auszeit setzen und den Jungen außerhalb der Klasse beruhigen.

Das Posaunenspiel gibt ihm genau das, was er braucht

Der autistische Nathanael braucht in erster Linie Struktur und Verlässlichkeit. Zu seinem Glück wächst er in einer musikalischen Familie auf, in der der Vater selbst Musiker sowie Musiklehrer und in leitender Funktion beim Nordbayerischen Musikbund (NBMB) aktiv ist. Wenn der Teenager die Posaune bläst, hat er genau das, was er braucht: klare Vorgaben, logisch aufgebaute Grundformen und feste Routinen. Außerdem gibt es so gute Möglichkeiten, sich in eine Gruppe einzubinden.

Diese Chance hat auch der NBMB erkannt. Dort sei das Thema Inklusion teilweise noch ein sehr heikles, werde aber offensiv angegangen, sagt Bildungsreferentin Monika Horn. Zunehmend würden Bedeutung und Chancen der Verbindung von Musik und Behinderung erkannt, und es würden geeignete Maßnahmen erprobt. So gibt es bei den offiziellen Musikprüfungen wie D1 oder D2 des Bundes seit Ende September 2016 einen Nachteilsausgleich für Menschen mit Behinderungen, der sich in der Regel auf die äußeren Rahmenbedingungen bezieht. „Da wird aber bestimmt nichts durchgewunken. Wir achten weiterhin genau auf das musikalische Können“, sagt Horn. Schließlich muss der Prüfling ja später auch im Orchester Fuß fassen und mithalten können.

Musikbund entwickelt Inklusions-Projekte

Gerade für Autisten sei aber die Musik und die Einbindung in geeignete Orchester eine gute Möglichkeit, so Horn. Dort gibt es eine festen Routinen und klare Strukturen. Sehr schöne Erfolge hat man auch bei der Arbeit mit hyperaktiven Kindern erzielt. So entwickelt der Musikbund gegenwärtig geeignete Projekte und hofft auf Vereine, die sie umsetzen.

Einer dieser Vereine sind die Arnsteiner „Werntalmusikanten“. Bei einer Probe mit Stefanie Greif, der Betreuerin und Dirigentin der Jugendbläserklasse im Dachgeschoss des „Alten Krankenhauses“ kann man Nathanael Kneuer und seine Posaune von der allerbesten Seite erleben. Er fügt sich bestens in das Ensemble ein, hat sichtlich Spaß an seiner und der gemeinsamen Musik und wenn man mit ihm über sein Spiel spricht, blitzt im Gesicht des Jungen sichtliche Freude auf.

Wir bedanken uns bei Redakteur Günter Roth für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung dieses Artikels.

Originallink:. http://www.mainpost.de/regional/main-spessart/Autisten-Posaune-Klassenlehrer-Nervenheilkunde-Orchester;art772,9894694


Von: Main-Post, 22.02.2017

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