Die Professoren waren beeindruckt

Konzert des Bezirksorchesters Oberpfalz des Nordbayerischen Musikbundes – Dirigenten-Prüfungsarbeit von Matthias Dietz

"Seht, welch ein Dirigent!", scheint Professor Johann Mösenbichler unter dem zustimmenden Beifall seiner Prüferkollegen über Matthias Dietz zu sagen.

Eine fantastische Leistung boten die Musikerinnen und Musiker des Bezirksorchesters Oberpfalz des NBMB.

Virtuos spielte Helmut Schätz vom Stadttheater Regensburg seine Posaune.

OBERPFALZ/SINZING (chi). Das Konzert des Bezirksorchesters des Bezirksverbands Oberpfalz im Nordbayerischen Musikbund (NBMB) ist immer etwas Besonderes, denn das Blasorchester bildet sich jedes Jahr aufs Neue aus rund 60 MusikerInnen aus etwa 25 Mitgliedsvereinen und bringt ein Konzertprogramm mit nur einem Probentag und einer fünftägigen Probenphase auf die Beine, das die Zuhörer immer wieder fasziniert zuhören und staunen lässt. Und heuer kam noch eine Einmaligkeit hinzu, denn der Dirigent des Orchesters, Matthias Dietz aus der Nähe von Regensburg, ließ das Abschlusskonzert als Teil seiner Abschlussprüfungen des Dirigierstudiums an der Anton-Bruckner-Privatuniversität in Linz werten, wozu extra drei Professoren aus Oberösterreich bzw. Wien nach Sinzing bei Regensburg gekommen waren. Und sie waren wie die rund 600 Konzertbesucher beeindruckt, was Musiker und Dirigent an diesem Abend boten.

NBMB-Bezirksvorsitzender Gerhard Engel freute sich über das große Auditorium, in dem er auch etliche Prominenz aus Politik und Musikbund ausgemacht hatte. Er dankte dem Blasorchester Sinzing für die Vorbereitung des Konzerts und überließ dann die Bühne den Musikern und dem jungen Dirigenten, denen er ein gutes Gelingen wünschte. Ein Stück ohne Namen, „Sine nomine“, von Ralph Vaughan Williams in der bewährten Bearbeitung von Alfred Reed hatte Matthias Dietz als Einstieg gewählt und das Blasorchester füllte damit gleich die große Mehrzweckhalle mit vollem, wohlklingendem Sound, der sich anschließend lichtete und ohne tiefes Blech das Glockenspiel durchscheinen ließ. Abwechslungsreich floss die Melodie dahin, bis Trompeten und Posaunen fanfarenartig das festliche Ende verkündeten.

Matthias Dietz erklärte anschließend, dass auch für ihn das Bezirksorchester Oberpfalz was Besonderes sei, da es eben nur einmal im Jahr zusammenkommt und aus lauter Musikern aus verschiedenen Kapellen und Orchestern besteht. Das sei für einen Dirigenten schwierig, weil er nicht wisse, was für ein Publikum zu erwarten ist, wie die Musiker auf ihn reagieren usw., aber es sei auch eine interessante Aufgabe. Er dankte dem NBMB-Bezirksverband, dass er ihm das Vertrauen als Dirigent entgegengebracht und ihm das Orchester sozusagen blind als Prüfungsobjekt anvertraut habe. Seit fast einem Jahr habe er sich auf diese Aufgabe vorbereitet, Stücke rausgesucht, verworfen und neue eingebaut.

Das nächste stammte vom Schweizer Mario Bürki, der versucht hat, im „Terra Pacem“ das Auf und Ab zwischen Krieg und Frieden musikalisch auszudrücken. Ganz sonore Tubatöne, verbunden mit einem Xylophon-Dreiklang, sorgten darin zunächst für eine ruhige, aber vage Atmosphäre, die Baritone setzten ein und verstärkten diese Stimmung, die schon ein wenig bedrohlich wirkte, lebhafte Tenorhornsequenzen bliesen zum Angriff, der von Saxophonen und Klarinetten zu Hufetrampeln des Schlagzeugs vorgetragen wurde. Ängstliches Umherirren mündete in wieder ruhigere Gefilde, wobei es im Untergrund weiter kräftig rumorte, bis sich alles beruhigte, wobei sich aber die Verletzungen in  Dissonanzen ausdrückten. Einer sanften, warm tönenden Phase des Friedens folgte schon bald ein erneutes Grummeln, hechelnde Hörner und schneidende Trompetentöne kündigten neues Unheil an. Mit Paukenwirbel und harmonischem Schlussakkord endete diese interessante, bildhafte Komposition, die das Orchester bravourös in Szene gesetzt hatte.

Nur drei Stücke sah das Programm für den ersten Teil des Konzerts vor. Doch wenn man sah, dass das dritte Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“ war, dann wusste man, dass Musiker und Dirigent danach eine Pause brauchten, selbst wenn nur Auszüge aus dem Werk des russischen Komponisten, das er eigentlich für Klavier geschrieben hatte, gespielt wurden. Sechs der Bilder hatte Matthias Dietz ausgewählt: „Der Gnom“, „Das alte Schloss“, „Streitende Kinder“, „Der Ochsenkarren“, „Ballett der Küken“ und „Das große Tor von Kiew“. Dazwischen kamen noch die „Promenaden“, also das Schlendern von Gemälde zu Gemälde in der Ausstellung. Der Dirigent hatte fürs Konzert ein Arrangement des Werks von der Schweizerin Evi Güdel-Tanner gewählt, die ihm die Noten kostenlos zur Verfügung gestellt hatte. Mit einer Promenade mit dem bekannten Thema ging der musikalische Ausstellungsbesuch los, zunächst von einer Solotrompete angestimmt, die das tiefe Blech dann unterstützte, ehe auch die Holzfraktion dazukam. Das erste Bild war schwer zu fassen mit seinen zwischen den Registern irrlichternden Tonfetzen. Erst das düstere, schwerfällige Stapfen ließ den Kobold erkennen, der aber immer wieder wild umherschwirrte und harte Schläge verteilte, ehe er abrupt verschwand.

Leicht orientalisches Flair verströmte das „alte Schloss“, das mit seiner betörenden Melodie von Fagott und Altsaxophon in seinen Bann zog. Ein kurzes „Zwitschern“ zwischen Klarinetten und Flöten symbolisierte anschließend den Kinderstreit, den das Saxophon aber schnell geschlichtet hatte. Das tiefe Blech war nun tonangebend beim Bild des Ochsenkarrens; zielstrebig stapften die schweren Tiere voran, bis sie in der Ferne langsam verschwanden. Hektisch flatterten beim nächsten Gemälde die kleinen Küken in ihren Eierschalen, bis sie sich befreit hatten und spielerisch herumtänzelten. Das „große Tor von Kiew“ erstrahlte zum Schluss in seiner ganzen majestätischen Pracht, wobei unter ihm das geschäftige Treiben der Menschen scheinbar chaotisch durcheinander schwirrte. Schließlich wurde das Tor geschlossen und es kehrte harmonische Ruhe ein. Viel Beifall gab es für diese musikalische Ausstellungsführung durch das Bezirksorchester. 
Zum Ende der Pause, in der der Musikverein Sinzing fürs Durchhaltevermögen von Musikern und Publikum gesorgt hatte, ergriff Professor Johann Mösenbichler als Leiter der Prüfungskommission, die von den Professoren Volkmar Klien und Georg Leopold von der Anton-Bruckner-Privatuniversität Linz ergänzt wurde, das Wort, „damit der Matthias entspannt in den zweiten Konzertteil gehen kann“, eigentlich aber, um den Zug nach Wien noch zu erreichen. Voll des Lobes war Prof. Mösenbichler für die Musiker, aber auch den Nordbayerischen Musikbund, Bezirksverband Oberpfalz, sowie fürs Publikum in Sinzing. Die eigentliche Botschaft des Professors aber war, dass Matthias Dietz seine öffentliche Prüfung im Fach Orchesterleitung „sehr gut“ bestanden hat.

„Die Musik wird leichter, die Spannung löst sich“, bekannte danach auch der junge Prüfling, der aber auch unter Prüfungsstress eine souveräne Leistung gezeigt hatte und seine Anspannung nicht merken ließ. Mit dem heiteren, schwungvoll gespielten „The Bandwagon“ von Philip Sparke ging es weiter, bevor eine weitere Herausforderung auf den Dirigenten wartete: Das Zusammenspiel von Orchester und Soloinstrumentalist. In diesem Fall konnte Dietz den Soloposaunisten des Stadttheaters Regensburg, Helmut Schätz, für das „Concerto for Trombone“ von Daniel Muck gewinnen, aus dem zwei Sätze gespielt wurden, „die die Virtuosität des Posaunisten fordern“, wie Matthias Dietz wusste. Was folgte, war fantastisches, hoch komplexes Posaunenspiel, das zum Teil im Widerstreit mit dem Orchester, dann wieder in voller Harmonie, mal hechelnd hektisch, mal ruhig fließend erklang. Ein Hörgenuss auf höchstem Niveau, das auch vom Orchester geboten wurde.

Zur Entspannung gab’s danach einen Walzer, „Estdiantina“ von Emil Waldteufel im Arrangement von Siegfried Rundel, im schönen Wechsel zwischen schwungvollen Drehern und weichem Gleiten. Zum Tanzen wär’s arg rasant gewesen, zum Zuhören aber wunderbar. Stierkampf-Atmosphäre kam beim anschließenden „Espana Cani“ von Pascual Marquina Narro und Mariano Marquina Tallada in der Bearbeitung von Toshio Mashima auf, bei dem die Trompeten im Vordergrund standen, wobei das Orchester mit rhythmischem Stampfen die Stimmung aufheizte.

Bevor das Konzert mit der „Funk Attack“ von Otto M. Schwarz „auf die Zielgerade einbiegt“, dankte Matthias Dietz allen, die dieses Konzert des Bezirksorchesters möglich gemacht hatten, allen voran den Musikern, aber auch der Bezirksleitung des NBMB Oberpfalz sowie den Leuten des Blasorchesters Sinzing, die vor Ort alles bestens vorbereitet hatten. Mit einem tollen Schlagzeugsolo, eingebettet in teils funky, teils aber einfach vorwärts treibender Musik, schloss das Abschlusskonzert des diesjährigen NBMB-Bezirksorchesters Oberpfalz offiziell mit viel Schwung. Nach dem begeisterten Applaus des Publikums stellte einer der Musiker in Gedichtform das Orchester vor und lobte Matthias Dietz, dass er jeden Musiker besser gemacht habe, als es dieser von sich gedacht hätte, und versprach: „Wir stehen als Orchester wieder für dich bereit.“

Natürlich gab’s noch zwei Zugaben, „Walking on sunshine“ und den „Fliegermarsch“, mit dem die Musiker um Matthias Dietz nach einem außergewöhnlichem Konzertabend Servus an die Gäste sagten.


Von: Holder Hierl, 15.03.2017

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